Leseprobe: Im Land der Nexen

Nächtlicher Besuch

Sternenklarer Himmel breitete sich über der Stadt aus. Nur eine einzige, klitzekleine Wolke schwebte in der Luft. Doch der Eindruck täuschte. Die Wolke sah nur wie eine Wolke aus. Eigentlich war es ein Ballon, der sacht durch die Nacht glitt. Aus dem Inneren seines Korbes drangen leise Gesänge. Die Worte waren nicht zu verstehen, aber die Fetzen einzelner Me-lodien streiften die Erde.
In dieser Nacht jedoch gab es keinen einzigen Menschen, der dem Himmel einen Blick schenkte. Niemanden interessierten die glimmenden Sterne. Niemand sah den Ballon und niemand hörte den Gesang.

* * *

Mitten in der Nacht erwachte Gordon. Hatte ihn das Klappern der offenen Fensterflügel geweckt, oder war es der Schrei eines Nachtvogels?
Wie benommen lag er in seinem Bett und starrte den Himmel an. Dort blinkten so viele Sterne, wie er sie noch nie zuvor auf einmal gesehen hatte. Sie leuchteten wie die Funken eines Feuers.
Er stieg aus dem Bett und ging zum Fenster, um sie genauer betrachten zu können. Unvermittelt lösten sich mehrere der Sternenfunken, rasten der Erde entgegen und hinterließen lange, helle Streifen.
STERNSCHNUPPEN!
Gordon erkannte sie sofort, obwohl er noch nie eine gesehen hatte. Und jetzt fielen sie gleich im Dutzend vom Himmel.
Aber was war denn das?
Gordon kniff sich in den Arm. Nein, er träumte nicht. Mitten durch das Sternenmeer trieb lautlos ein kleiner dunkler Schat-ten.
Näherte sich ein erloschener Stern der Erde?
Gordon beugte sich aus dem Fenster. Der Schatten befand sich inzwischen fast über dem Hochhaus, als sich ein kleiner Gegenstand aus ihm löste und nach unten, der Erde entgegenraste.
Eine erkaltete Sternschnuppe?
Gordon lehnte sich noch weiter aus dem Fenster. Plötzlich erkannte er, wohin dieses Ding flog. Vor Schreck stockte ihm der Atem – es kam direkt auf ihn zu!
Gerade noch rechtzeitig sprang Gordon beiseite und fiel auf den Fußboden. Über ihm krachte es.
„Hui, das war knapp!“
Erstaunt blickte Gordon auf die dunkle Gestalt im Fenster.
„Und wo bin ich gelandet?“
Mit einem Satz sprang die Gestalt vom Fensterbrett. Das Mondlicht schälte die Umrisse eines Mädchens aus der Dun-kelheit.
„Oh, habe ich dich erschreckt?“, fragte das Mädchen. Es hielt Gordon seine Hand entgegen und half ihm auf die Beine.
„Ich bin Dana“, sagte es und kam ganz dicht heran. Als seine Nasenspitze Gordons erreichte, schüttelte es ein paar Mal den Kopf, so dass die Nasen aneinanderrieben. Dann berührte das Mädchen Gordons Wangen mit den Händen.
„Und du? Wer bist du?“
Gordon antwortete nicht. Danas Begrüßung hatte ihn völlig durcheinandergebracht. Verlegen kratzte er sich die Nase.
„Machst du das immer so?“
„Was?“
„Das mit der Nase.“
„Natürlich. Warum fragst du? Kennst du es anders?“
Gordon nickte. Er ging auf Dana zu und reichte ihr die Hand.
„Guten Tag. Ich bin Gordon.“
Unschlüssig ergriff sie seine Hand.
„Komisch.“
Sie betrachtete die ineinander liegenden Hände. Dann aber schüttelte sie Gordons Hand heftig und ließ sie nicht mehr los. Im Rhythmus der Bewegungen deutete sie Tanzschritte an und zog Gordon mit sich.
Sie lachte. „Ah, jetzt verstehe ich – ein Begrüßungstanz!“
Bewundernd betrachtete Gordon das Mädchen, das Dana hieß. Blonde Locken, die nach allen Seiten abstanden, umrahmten ein Gesicht mit strahlenden Zügen und großen, braunen Augen. Ein rotes Band lag auf ihrer Stirn und verlor sich irgendwo in der Haarpracht. Sie trug ein Kleid, das vollständig aus Flicken bestand. Es glänzte in allen Farben und barg verschiedene Muster in sich. Perlen- und Muschelketten schlängelten sich von ihrem Hals auf die Brust. Schmale Leder-bändchen zierten ihre Arme und die Gelenke oberhalb der nackten Füße.
„Woher kommst du?“, fragte Gordon. „Bist du aus einer Wolke gefallen?“
Dana ließ ein helles Lachen ertönen.
„Nein, nein, es war keine Wolke.“
Sie lief zum Fenster und winkte Gordon heran. In der Ferne entschwebte der Himmelsschatten.
„Siehst du den Ballon? Von dort bin ich gekommen. Ich hatte keine Lust, in der Gondel zu sitzen und den Geschichten von Sandrina, Melva und den anderen zu lauschen. Auf dem Korbrand war es viel interessanter. Ich konnte neue Tanz-schritte einüben und ganz für mich allein sein. Und dann, ich stand gerade auf einem Bein, kreuzte eine Windböe unseren Weg und der Ballon geriet ins Schleudern. Der Boden verschwand unter meinen Füßen… ach, halb so schlimm – ich werde zu Hause auf die Rückkehr des Ballons warten.“
„Zu Hause – wo ist das?“
„Mein Zuhause ist das Land der Nexen.“
„Was ist das denn?“
„Warte, ich zeig es dir.“
Dana griff in eine der Taschen ihres Flickenkleides. Als sie die Hand hervorzog, verbarg sich darin ein kleines, rundes Bild, das sie Gordon entgegenstreckte.
„Hier ist es.“
Gordon starrte auf das Bild, das immer größer zu werden schien. Von einer Anhöhe aus schweifte sein Blick über eine weite Landschaft. Ein schmaler, kaum sichtbarer Weg führte hinunter ins Tal, wand sich an Büschen und Sträuchern vorbei und gabelte sich kurz vor dem nahen Wald. Einer der Wege hielt auf einen Sumpf zu und verschwand darin. Der andere folgte dem Lauf eines Baches, dessen Quelle in der Nähe der Anhöhe sprudelte. Der Bach wuchs zu einem mächtigen Fluss an, der als donnernder Wasserfall zwischen den hohen Felsen in die Tiefe stürzte.
Gordon stutzte. Er konnte das Rauschen des Wassers h ö r e n. Er s a h, wie sich die Kronen der Bäume im Wind bewegten. Es r o c h nach Wald, Wasser und Wiese…
Dana ließ das Bild wieder in ihrer Tasche verschwinden. Mit großen Augen sah Gordon sie an.
„Kannst du es mir noch einmal zeigen?“, fragte er.
„Nein.“
„Nur ein einziges Mal.“
Dana blickte ihn zweifelnd an. „Eigentlich hätte ich dir nicht einmal verraten dürfen, woher ich komme. Und das Bild… tja, das Bild darf erst recht keiner zu Gesicht bekommen.“
Sie hatte ihre Stimme gesenkt. Gordon erreichte nur ein leises Flüstern. Um Dana zu verstehen, musste er sich ganz dicht zu ihr hinüberbeugen.
„Aber ich vertraue dir“, wisperte sie, „und ich glaube, dass du niemandem davon erzählen wirst.“
„Warum muss es geheim bleiben?“, flüsterte er ebenfalls. „Was gibt es denn so Schreckliches im Land der Nexen?“
„Nichts Schreckliches gibt es dort. Wenn jedoch alle Welt von seiner Existenz erfährt und herausfindet, wer dort wohnt, dann wird es schrecklich werden …

 

Das ist Dana:

Hausmeister Klettstock:

 

… und hier taucht die Sumpfhexe auf: