Leseprobe: Die Weihnachtsräuber

Kapitel 1

„Warum dürfen wir nicht ins Wohnzimmer gehen?“
„Hab ich dir schon hundert Mal erklärt: Weil Mama und Papa die Geschenke unter den Baum legen.“
„Unsere Geschenke bringt aber der Weihnachtsmann und zwar heute Abend.“
„Mann, dabei hast du neulich erst gesagt, dass du kein kleines Baby mehr bist und nicht an den Weihnachtsmann glaubst.“
„Stimmt ja auch.“
„Was?“
„Dass ich nicht daran glaube.“
„Und warum hast du dann ans Weihnachtspostamt in Himmelpfort geschrieben?“
„Irgendwo musste ich doch meinen Wunschzettel hinschicken.“
„Du hättest ihn einfach Mama oder Papa geben können.“
„Was haben die denn damit zu tun?“
„Ich weiß zum Beispiel, dass du eine neue Playstation und die Bettwäsche mit der Zaubermaus drauf bekommst.“
„Natürlich, die habe ich ja auch auf den Wunschzettel gemalt.“
„Doch nicht deswegen, du Idiot.“
„Wieso denn sonst?“
„Das Zeug liegt seit zwei Wochen in Mamas Wäscheschrank.“
„Quatsch.“
„Mama dachte, unter den Handtüchern wäre es gut versteckt, aber ich habe den Bettbezug und auch die Verpackung mit der Playstation sofort entdeckt.“
„Tatsächlich?“
„Denkst du, ich lüge?“
„Warum hast du mir nichts davon erzählt?“
„Wozu? Meine eigenen Geschenke habe ich nämlich nirgends gefunden. Wahrscheinlich hat sie Papa in seiner Werkstatt versteckt, weil er weiß, dass ich eine gute Nase im Geschenkefinden habe. Also musst du auch nicht wissen, was du bekommst.“
„Ich glaube dir kein Wort.“
„Ist mir sowieso vollkommen egal“, winkte Paul ab.
Er ließ sich zurück auf das Bett fallen, zog die Kopfhörer auf seine Ohren und drehte am Lautstärkeregler. Um klarzustellen, dass das Gespräch endgültig vorbei war, stopfte er sich ein Kissen in den Rücken, verschränkte die Arme hinterm Kopf und sah demons-trativ aus dem Fenster, während er die Füße im Takt der Musik wippen ließ. Der kleine, rote Weihnachtsstern, der in der Scheibe hing, störte nicht, als Paul seinen Blick und die Gedanken schweifen ließ.
Die Sonne war längst hinter den Dächern der Häuser und den grauen Wolken am Himmel verschwunden, die Zeiger der Uhr neben dem Fenster zeigten 16.36 Uhr an und die Dunkelheit senkte sich wie ein schwerer Schatten über die Stadt. Im Licht, das aus den Fenstern des gegenüberliegenden Hochhauses schien, waren die fallenden Graupelkörner zu sehen. Ob daraus im Laufe des Abends noch Schneeflocken werden würden? Oder morgen vielleicht?
Auch wenn er seine Geschenke nicht gefunden hatte, vermutete Paul doch, dass er ein neues Snowboard bekommen würde. Papa hatte sich eines Abends verplappert, als er glaubte, dass sich außer ihm nur Mama in der Küche aufhielt. Erst im letzten Moment sah er Paul am Tisch sitzen und verschluckte die entscheidenden Worte. Paul hatte sich nichts anmerken lassen, aber in Gedanken stellte er bereits eine Liste der besten und gefährlichsten Bahnen auf der Kunsteispiste im Volkspark zusammen, die er mit dem alten Snowboard nicht hatte fahren können, da es zu ungelenk und zu schwer war. In Zukunft würden all seine Kumpels aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Fehlte nur der Schnee.
Paul runzelte die Stirn, weil ihn Felix in die Seite gestoßen hatte. Unwillig zog er den Hörer vom rechten Ohr und schaute fragend hoch. Felix begann sofort loszuplappern. „Vielleicht hat der Weihnachtsmann die Zaubermaus-Bezüge schon vorher zu Mama gebracht, weil er wusste, wie viel er zu tun hat heute Abend.“
„Und warum haben wir dann nichts davon mitbekommen, als er hier war?“
„Vielleicht waren wir zu der Zeit in der Schule.“
„Ha, Mama arbeitet vor- und nachmittags. Also?“
„Das stimmt allerdings, aber… aber vielleicht hat er es ja so gemacht wie der da drüben und ihr alles hingelegt.“
Paul folgte Felix’ ausgestrecktem Finger und erblickte den kletternden Weihnachtsmann aus Plastik, der jedes Jahr aufs Neue am Hochhaus gegenüber pünktlich zum ersten Adventswochenende auftauchte. Er hing am Geländer einer kleinen Plattform im siebten Stock, schob sein Gesicht über die Brüstung und schien den bunten, mit hell leuchtenden Kerzen geschmückten Weihnachtsbaum anzuglotzen, der dort ebenfalls jedes Jahr stand.
Paul verdrehte die Augen und ließ den Kopfhörer zurück auf sei-ne Ohren schnappen, so dass sich Felix’ Stimme im Nichts verlor.
Kleine Brüder nerven, dachte er, vielleicht liegt es aber auch daran, dass er nur mein Halbbruder ist?
Im nächsten Augenblick fiel ihm der kleine Bruder seines Schulkameraden Marian ein. Der tauchte in fast jeder Schulhofpause bei Marian auf, meist verheult und verdreckt, weil er sich geprügelt und wie üblich verloren hatte. Dann musste Marian rüber zu den Knirpsen aus der ersten Klasse und sich einen von denen vornehmen, während sein kleiner Bruder feixend und lachend hinter seinem Rücken stand und eine große Klappe riskierte. Wie peinlich!
Wahrscheinlich sind echte kleine Brüder noch schlimmer als Halbbrüder, dachte Paul, vielleicht ist eine Schwester besser.
Aber Marian hatte auch eine Schwester, die zwei Jahre älter war als er, eine echte Kröte! Wenn nicht der kleine Bruder in der Pause kam, dann tauchte ganz bestimmt sie auf, mit einer Horde Freundinnen, und gemeinsam machten sie sich über Marian lustig, über seine Haare, die nach allen Seiten abstanden, über seine Klamotten oder sie lachten einfach nur, weil er noch so jung war und sie schon fast erwachsen. Besonders gern kamen sie, wenn die älteren Jungs, mit denen sie sonst auf dem Schulhof herumstanden und ihnen schöne Augen machten, auf dem Weg zur Sportstunde waren und deswegen nicht in der Nähe sein konnten. Dann langweilten sich die Mädchen immer und suchten einen Ersatz. Einmal hatte sich Marian wütend auf sie gestürzt, aber gegen ihre fiesen Mädchentricks war er machtlos. Zwei zerkratzten ihm beim Anstürmen das Gesicht, eine andere biss ihm in den Oberarm und die letzte stellte Marian ein Bein, so dass er der Länge nach auf den Boden geschlagen war. Am Ende sah er aus, als hätte er den Kampf gegen eine Bärenfamilie verloren. Seitdem wagte es Marian nicht mehr, seine Schwester und ihre Freundinnen anzu-greifen. Er zog nur den Kopf zwischen die Schultern, wenn sie auftauchten und warf ihnen finstere Blicke zu.
Nein, besser als Brüder oder Schwestern wäre es, wenn man Kumpels wie die Leute von der SpidermanGang hätte. Einer wohnte sogar hier irgendwo in der Nähe. Paul hatte ihn schon zwei Mal auf der Straße gesehen. Leider war der ein bisschen älter. Ihm sprossen schon die Barthaare überall im Gesicht und für den Jüngeren hatte er keinen einzigen Blick übrig gehabt, während Paul zu ehrfürchtig gewesen war, als dass er es gewagt hätte, ihn anzusprechen.
Da, endlich erklangen die ersten Töne vom Song, auf den er schon die ganze Zeit gewartet hatte, die SpidermanGang mit ihrem „Achtung, Alter: Weihnachtsräuber – unsre coolste Nummer!“, mit dem sie vor zehn Tagen in der Hitparade aufgetaucht waren. Paul schloss die Augen. Er stützte sich auf die Ellenbogen, wippte stärker mit den Füßen durch die Luft und ließ den Kopf kreisen, genauso abgehackt und nach demselben Muster wie die Jungs der SpidermanGang im Youtube-Video. Immer, wenn er ihre Musik hörte, fühlte er sich groß und unangreifbar.
Leider konnte er den Song nicht über die großen Lautsprecher abspielen, wie er es am liebsten getan hätte. Wenn Mama und Papa von seiner Existenz wüssten, dann würden sie nicht nur das Snowboardgeschenk rückgängig machen, sondern ihn auch dazu auffordern, den Song von seinem Player zu löschen. Denn im Inhalt ging es auch um Weihnachten, um eine Gang, deren Spezialität darin liegt, Weihnachtsmänner zu überfallen. Sie zerren an deren Bärten, reißen ihnen die Masken vom Gesicht und räumen Geschenkesäcke aus – das nämlich verstanden die Leute der SpidermanGang unter einer coolen Nummer, und Paul gab ihnen recht, weil schon die Musik die coolste war, die er kannte.
Plötzlich verstummten die Instrumente, auch die Stimmen waren verschwunden. Es herrschte absolute Stille. Irritiert öffnete Paul die Augen. Felix starrte ihn an.
„Und was ist, wenn der Weihnachtsmann uns heute vergisst?“, brüllte er. „Was machen wir dann?“
„Bist du bescheuert?“, schrie Paul zurück. „Mach sofort meine Musik wieder an!“
Felix schüttelte den Kopf. „Wenn ich Mama und Papa erzähle, was du hörst, dann nehmen sie dir den Player weg, und es gibt Hausarrest.“
„Wag es ja nicht zu petzen!“
„Wenn du nicht mit mir redest, dann mach ich es.“
„Na warte!“
Drohend richtete sich Paul auf und ballte die Fäuste. Damit hatte sein Bruder gerechnet. Er wich zum Schreibtisch zurück, und als Paul neben seinem Bett stand, hielt Felix bereits die Schleuder in der Hand, die dort immer lag. Er zog den Gummi straff, in dem eine kleine Glaskugel lag und zielte auf Pauls Brust.
Paul streckte eine Hand aus. „Das ist meine Schleuder. Die hab ich mir selbst zurechtgebogen. Gib her!“
„Nein.“ Felix schüttelte den Kopf. „Bleib stehen oder ich schieße!“
„Erstens traust du dich nicht, und zweitens, ha – zweitens kannst du gar nicht damit umgehen!“
Langsam ging Paul auf Felix zu, eine Hand ausgestreckt und mit einem Blick, von dem er annahm, dass der mindestens genauso cool und gefährlich wirkte wie bei den Leuten der SpidermanGang im Video, das er gesehen hatte.
Felix hielt die Schleuder nach wie vor schussbereit in den Händen und blickte ihm entgegen. Als sein Bruder bis auf zwei Schritte herangekommen war, ließ er den Gummi nach vorn schnellen. Wie erstarrt blieb Paul stehen, damit hatte er niemals gerechnet! Während er noch darauf wartete, dass der Schmerz in seinem Bauch einschlug, knallte es hinter ihm. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf die Delle im Pokal, den er bei den letzten Schulmeisterschaften gewonnen hatte, seine bislang wertvollste Trophäe.
Er wandte sich wieder um, presste die Lippen aufeinander und starrte Felix wütend an, der auf die andere Seite des Tisches geflüchtet war.
„Ich schreie“, drohte der, „wenn du näher kommst!“
Paul sah ihn an, während er beide Hände auf die Schreibtisch-platte stützte und vorwurfsvoll den Kopf schüttelte. „Was denn, was denn? Wovor hast du Angst?“
„Ich weiß, was du vor hast, du…“
Da hatte Paul schon zu seiner Finte angesetzt. Erst einen Schritt nach rechts zum Antäuschen, dann blitzschnell nach links, als sich Felix in diese Richtung in Bewegung setzte, um auszuweichen, und schon hatte er ihn am Arm gepackt.
„Warum hast du auf mich geschossen?“, fragte Paul mit funkelnden Augen.
„Wärst du stehen geblieben, dann wäre auch nichts passiert.“
Paul griff mit der freien Hand nach dem dicken schwarzen Edding, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag, zog mit dem Mund die Kappe ab und richtete die Spitze des Stifts auf Felix’ Nase.
„So“, nuschelte er. „Das hast du nicht umsonst getan, Blödmann!“
Felix öffnete bereits den Mund, um zu schreien, als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte. Verblüfft ließ Paul von ihm ab. Auch Felix war so überrascht, dass er die Gelegenheit nicht nutzte, erneut auf die andere Seite des Tisches zu flüchten …